Die meisten Übersetzungs-Workflows sind auf Geschwindigkeit und Kosten optimiert. Regulierungsbehörden legen Wert auf etwas anderes: dass alles richtig ist und sich dies belegen lässt. Wenn eine nationale zuständige Behörde nach einem übersetzten Basisinformationsblatt (KID) fragt, fragt sie selten danach, wie schnell die Übersetzung fertiggestellt wurde. Sie fragt, wer die Offenlegung wann und auf welcher Grundlage geprüft hat. Und sechs übersetzte KIDs ohne einen dahinterliegenden Prüfpfad sehen genauso aus wie sechs, die nie geprüft wurden.
Diese Lücke wird immer größer.
Die MiFIR-Überprüfung und die sich weiterentwickelnden technischen Standards von MiCA führen laufend zu neuen Pflichten zur Übersetzung von Offenlegungen, während DORA eigene Meldepflichten für Vorfälle mit sich bringt. Jede dieser Änderungen kann genehmigte Formulierungen in einem Markt betreffen, für den bereits Übersetzungen erstellt wurden.
Die Verpflichtung geht weit über die EU hinaus. Die Capital Market Authority in Saudi-Arabien verlangt von börsennotierten Emittenten, Offenlegungen sowohl auf Arabisch als auch auf Englisch zu veröffentlichen, und die brasilianische Comissão de Valores Mobiliários stellt ähnliche Anforderungen an Finanzoffenlegungen in der Landessprache.
Die Unternehmen, die in Schwierigkeiten geraten, haben meist zwei Dinge gemeinsam. Sie behandeln die Übersetzung als letzten Schritt, der erst nach der Freigabe des Inhalts hinzugefügt wird. Und sie wickeln die Übersetzung mit Tools ab, die weder Compliance-Kontrollen noch geregelte Prüfphasen oder ein Audit-Protokoll bieten. Wenn also eine Aufsichtsbehörde fragt, wie eine Offenlegung in einem bestimmten Markt geprüft wurde, gibt es nichts vorzuweisen.
Auf Geschwindigkeit ausgelegte Workflows scheitern bei behördlicher Prüfung
Ein auf Geschwindigkeit und Kosten ausgelegter Workflow überträgt Content effizient von der Ausgangssprache in die Zielsprache, mit Qualitätsprüfungen, die auf sprachliche Genauigkeit abzielen. Für Marketingtexte oder Artikel im Hilfe-Center ist das genau richtig. Für regulierten Finanz-Content birgt das drei Arten rechtlicher Risiken.
Das erste ist die regulatorische Abweichung. Ein Begriff kann sprachlich korrekt sein und dennoch nicht dem Wortlaut entsprechen, den eine nationale zuständige Behörde erwartet, und an diesem Punkt liegt ein Compliance-Verstoß vor. MiFID II akzeptiert kein „annähernd richtig“.
Der zweite Punkt ist die fehlende Offenlegung. Ein Risikohinweis, der im englischen Ausgangstext enthalten ist, kann in der Übersetzung weggelassen oder stillschweigend gekürzt werden, und ohne eine Kontrolle, die dies auffängt, bemerkt es vor der Veröffentlichung niemand.
Der dritte Punkt ist das fehlende Prüfprotokoll. Fragt man, wer die deutsche Version eines KID geprüft hat, bevor es live ging, ist die Antwort oft über E-Mail-Threads, freigegebene Laufwerke und den Posteingang eines externen Rechtsteams verstreut. Es gibt keine zentrale Freigabe, keine Angabe dazu, welcher Reviewer geprüft hat, und keinen Zeitstempel, auf den man zurückgreifen könnte.
„Der Umgang mit regulatorischen Sprachrisiken beruht auf einer einfachen Prämisse: Bei einem Prospekt oder einem KID kann die Wahl jedes Terminus rechtliche Konsequenzen haben. Das ist kein Übersetzungsproblem: Es ist eigentlich ein Compliance-Problem.“
Vier Kontrollen für eine Lokalisierung auf Compliance-Niveau
Eine Lokalisierung auf Compliance-Niveau erfordert vier spezifische Kontrollen. Zwei davon tragen das regulatorische Gewicht direkt und regeln, wie Inhalte geprüft werden und wer dafür verantwortlich ist. Die anderen beiden greifen früher im Prozess: Sie leiten spezialisierte Linguisten an und helfen, vermeidbare Fehler zu erkennen, bevor der Content einen Reviewer erreicht.
1. Mehrstufige Freigabe-Workflows
Ein einstufiger Prozess nach dem Motto „übersetzen und veröffentlichen“ hat bei regulierten Finanzinhalten keinen Platz. Regulierungsbehörden und Wirtschaftsprüfer erwarten eine strukturierte Prüfungskette, bei der jede Stufe eine definierte Rolle, ein klares Mandat und ein dokumentiertes Ergebnis hat. In der Praxis bedeutet das mindestens drei menschliche Prüffunktionen: linguistisch, rechtlich vor Ort und Compliance.
Diese Stufen müssen nacheinander und nicht parallel ablaufen, da ein Compliance-Reviewer Formulierungen nicht freigeben kann, die der juristische Reviewer noch nicht freigegeben hat. Mit Phrase kann diese Prüfkette so einfach oder so detailliert konfiguriert werden, wie es der jeweilige Content erfordert. Mehrstufige Freigabeprozesse lassen sich direkt in Phrase TMS konfigurieren. Die Stufen können nacheinander oder parallel ablaufen; durch die rollenbasierte Zuweisung sieht jeder Reviewer nur den Content, für den er zuständig ist, und bearbeitet ihn in der richtigen Reihenfolge. Mit Phrase Orchestrator können zusätzliche Prozessschritte eingefügt, Inhalte an andere Plattformen gesendet und zurück in Phrase übernommen sowie zusätzliche Prüfschleifen ausgelöst werden, wenn bestimmte Kriterien nicht erfüllt sind.
Dabei geht es um mehr als einen geordneten Ablauf. Die Consumer Duty der FCA, die seit dem 31. Juli 2023 für offene Produkte in Kraft ist, verlangt von Unternehmen den Nachweis, dass Kunden verstehen können, was ihnen mitgeteilt wird, und nicht nur, dass eine Offenlegung erfolgt ist. Eine mehrstufige Prüfkette liefert den Nachweis dafür.
2. Prüfpfade
Ein Prüfpfad ist nur dann wertvoll, wenn er mehr erfasst als nur die Tatsache, dass eine Überprüfung stattgefunden hat. Ein compliancekonformer Datensatz enthält die vollständige Versionshistorie des Contents in der Ausgangs- und Zielsprache, die Identität und Rolle jedes Reviewers in jeder Phase, Zeitstempel für jede Aktion und Freigabe, eine Vorher-Nachher-Ansicht jeder zwischen den Phasen vorgenommenen Änderung sowie die endgültige Freigabe, die mit der veröffentlichten Version verknüpft ist.
Phrase verwaltet diesen Datensatz, während der Content jede Workflow-Phase durchläuft. Wenn ein Auditor den Prüfverlauf der polnischen Version eines im dritten Quartal veröffentlichten KID anfordert, soll sich dieser vollständig abrufen lassen, ohne den Ablauf anhand von E-Mail-Verläufen und Tabellen rekonstruieren zu müssen.
3. Terminologiemanagement
Regulierte Finanzinhalte werden selten an Übersetzer ohne Spezialisierung übergeben. Er geht in der Regel an spezialisierte Linguisten, oft über kleinere Sprachdienstleister, die sich auf juristische und finanzielle Übersetzungen spezialisiert haben. Diese Expertise profitiert dennoch von einem gemeinsamen Bezugspunkt, insbesondere wenn das Risiko einer regulatorischen Abweichung besteht.
Diesen gemeinsamen Bezugspunkt bietet die Termbank von Phrase. Während die Linguisten arbeiten, zeigt der Translation Editor die genehmigten Übersetzungen rechtlich sensibler Termini an, etwa für regulierte Produktnamen und Klassifizierungen, wichtige Termini zur Offenlegung von Risiken und rechtsgebietsspezifische vorgeschriebene Formulierungen.
Der Workflow kann die Linguisten auch zur Einhaltung dieser Terminologie verpflichten. Sie können zwar weiterhin frei bearbeiten, aber Phrase TMS kann so konfiguriert werden, dass im Editor ein Problem gemeldet wird, wenn ein genehmigter Terminus nicht wie vorgegeben übersetzt wurde. Der Job kann dann erst abgeschlossen oder an einen Reviewer weitergeleitet werden, wenn das Problem behoben ist. Selbst wenn also ein spezialisierter Dienstleister die Übersetzung übernimmt, ist die Einhaltung der genehmigten Terminologie in den Prozess integriert. Dies soll eine der häufigsten Ursachen für terminologiebedingte Compliance-Verstöße reduzieren.
4. QA für regulierten Content
Bevor übersetzter Content zur Überprüfung weitergeleitet wird, führt die automatisierte QA in Phrase TMS integrierte Prüfungen durch, die jedes Segment in der Zielsprache mit dem entsprechenden Segment in der Ausgangssprache vergleichen. Bei regulierten Finanzinhalten sind diese Prüfungen darauf ausgelegt, Probleme wie ein leeres Segment, eine fehlende oder nicht mit dem Ausgangstext übereinstimmende Zahl, einen Termbank-Begriff ohne die genehmigte Übersetzung oder einen unzulässigen Begriff zu melden.
Im Projektmanagement kann QA zur Pflicht gemacht werden, sodass ein Job erst abgeschlossen werden kann, wenn alle Warnungen bearbeitet wurden. So gelangen vermeidbare Fehler gar nicht erst zu den Rechts- und Compliance-Reviewern im jeweiligen Markt. Diese können sich dadurch auf regulatorische Fragen konzentrieren, statt Fehler zu suchen.
Welche Kontrollmaßnahmen für welche Inhalte gelten
Nicht alle Inhalte bergen das gleiche Risiko. Die Prüftiefe sollte sich danach richten. Rechtliche und regulierte Inhalte haben immer höchste Priorität: Wenn ein Inhalt eine rechtliche Verpflichtung begründet, die Einwilligung eines Nutzers einholt oder eine regulierte Aussage enthält, muss er von Fachleuten geprüft werden, die sowohl die Sprache als auch die regulatorischen Anforderungen des Zielmarkts kennen. Website- und Produkttexte liegen im Mittelfeld. Bei Inhalten mit geringerem Risiko, die meist von Nutzern erstellt werden, kann stärker auf Automatisierung gesetzt werden.
Eine grobe Einordnung:
| Art des Contents | Risikostufe | Mindestens erforderliche Prüfschritte |
| Rechtliche und regulierte Inhalte: Basisinformationsblätter (KIDs), Prospekte, Anlegervereinbarungen, Risikohinweise, behördliche Einreichungen, Marketing mit Angaben zur Wertentwicklung | Hoch | 3 (sprachliche Prüfung, juristische Prüfung im Zielmarkt, Compliance-Freigabe) |
| Website- und Produkttexte: Marketingseiten, App-Benutzeroberfläche, Hilfe-Center-Artikel | Mittel | 1–2 (sprachliche Prüfung, optionale Compliance-Stichprobe) |
| Von Nutzern erstellte Inhalte: Kundenbewertungen, Community-Beiträge | Niedrig | 0–1 (automatisierte QA, optionale sprachliche Stichprobe) |
Wie Lokalisierung auf Compliance-Niveau in der Praxis aussieht
Nehmen wir ein Unternehmen, das Anlageprodukte in sechs EU-Mitgliedstaaten vertreibt. Jedes Produkt benötigt ein lokalisiertes KID in sechs Sprachen, bevor es vermarktet werden kann.
Mit den vier implementierten Kontrollen enthält die Termbank bereits rechtlich validierte Terminologie für jedes Sprachpaar. Die automatisierte QA soll eine nicht übersetzte Pflichtangabe oder eine abweichende Übersetzung eines Terminus erkennen, bevor die Datei einen Reviewer erreicht. Jedes KID durchläuft nacheinander die sprachliche Freigabe, die rechtliche Freigabe im jeweiligen Markt und die Compliance-Freigabe. Der Audit-Trail hält für alle sechs Versionen fest, wer wann was getan hat.
Wenn also die nationale zuständige Behörde in einem Markt eine Dokumentation darüber anfordert, wie ein bestimmtes KID geprüft wurde, kann das Compliance-Team den Datensatz normalerweise innerhalb von Minuten vorlegen.
Die Language Intelligence Platform von Phrase bietet Teams für regulierten Content konfigurierbare Freigabeschritte, verwaltete Termbanken, automatisierte QA und einen vollständigen Audit-Trail. Hinzu kommen eine ISO-27001-Zertifizierung und Optionen für den Speicherort der Daten. Wenn eine Aufsichtsbehörde einen Nachweis darüber verlangt, wie eine Pflichtangabe geprüft wurde, ist die Plattform darauf ausgelegt, genau diese Frage zu beantworten.
HÄUFIGE FRAGEN (FAQ)
Wie werden regulierte Finanzinhalte lokalisiert?
Durch einen geregelten Workflow. Inhalte durchlaufen definierte Prüfphasen mit Unterstützung durch Termbanken, automatisierter QA vor der Prüfung und einer protokollierten Freigabe bei jedem Schritt, sodass die fertige Version sowohl mit der genehmigten Terminologie übereinstimmt als auch nachweislich geprüft wurde.
Wie stellen Teams sicher, dass Pflichtangaben in allen Märkten erhalten bleiben?
Indem Pflichtangaben als Inhalte mit verbindlichen Vorgaben behandelt werden. Für jeden Markt wird vor Beginn der Übersetzung ein genehmigter Wortlaut vereinbart, spezialisierte Linguisten arbeiten mit Unterstützung durch Termbanken, und die automatisierte QA ist darauf ausgelegt, Probleme wie ein nicht übersetztes Segment vor der Prüfung zu melden. Rechtsexperten im jeweiligen Markt und Compliance-Reviewer prüfen anschließend vor der Freigabe, ob alle erforderlichen Pflichtangaben vorhanden sind.
Was muss ein Audit-Trail enthalten, damit er einer Prüfung durch die Aufsichtsbehörde standhält?
Einer, der jede Version mit einem namentlich genannten Reviewer, einer Rolle, einem Zeitstempel und einer endgültigen Freigabe verknüpft und für jede Änderung den Zustand davor und danach dokumentiert. Ein Protokoll, in dem nur „geprüft: ja“ steht, reicht bei einer behördlichen Prüfung nicht aus.
Benötigen alle Inhaltstypen die gleiche Prüftiefe?
Nein. Rechtliche und regulierte Inhalte erfordern immer eine fachkundige menschliche Überprüfung, einschließlich einer rechtlichen Prüfung im jeweiligen Zielmarkt und einer Compliance-Freigabe. Website- und Produkttexte erfordern eine leichtere Überprüfung, und bei Material mit geringerem Risiko, bei dem es sich meist um nutzergenerierte Inhalte handelt, kann man sich stärker auf Automatisierung verlassen. Wenn sich die Prüftiefe nach dem Risiko richtet, können sich erfahrene Reviewer auf die Inhalte konzentrieren, bei denen ihre Expertise am wichtigsten ist.
Wie reduziert Terminologiemanagement das Compliance-Risiko?
Es bietet spezialisierten Linguisten eine gemeinsame Referenz für rechtlich sensible Formulierungen und hilft sicherzustellen, dass sie diese einhalten. Genehmigte Übersetzungen werden den Linguisten während der Arbeit angezeigt. Phrase TMS lässt sich so festlegen, dass ein Job nicht abgeschlossen und zur Prüfung weitergeleitet werden kann, solange ein genehmigter Terminus anders übersetzt wurde. Diese Kombination soll eine der häufigsten Ursachen für regulatorische Formulierungsfehler reduzieren.
Kann ein allgemeines TMS regulierte Inhalte verarbeiten?
Ja, viele können das. Ein allgemeines TMS kann jedoch bei stärker maßgeschneiderten Workflows an seine Grenzen stoßen, bei denen Inhalte zwischen verschiedenen Beteiligten und Technologien ausgetauscht werden, etwa zwischen Rechtsteams in den jeweiligen Zielmärkten, Compliance-Tools und spezialisierten Sprachdienstleistern, und dennoch ein lückenloser Prüfverlauf erforderlich ist.
Welche Vorschriften bestimmen die Anforderungen an übersetzte Pflichtangaben?
In der EU wirken sich PRIIPs (KIDs), MiFID II und MiFIR sowie MiCA auf übersetzte Pflichtangaben aus. DORA bringt zudem eigene Pflichten zur Meldung von Vorfällen mit sich. Außerhalb der EU stellen die CMA in Saudi-Arabien und die CVM in Brasilien Anforderungen an Pflichtangaben in der jeweiligen Landessprache. Die Anforderungen ändern sich häufig. Deshalb sollte der genehmigte Wortlaut für jeden Markt überprüft werden.
Lässt sich der vollständige Prüfverlauf eines KID innerhalb von Minuten vorlegen?
Falls nicht, lohnt sich ein Gespräch.





